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Wahres vom falschen Luther – Mit BSW-Thesen auf dem Wittenberger Marktplatz

Mit BSW-Thesen auf dem Wittenberger Marktplatz

Wir haben uns entfremdet die evangelische Kirche und ich. Nun neigt man bei gescheiterten Beziehungen immer dazu, dem anderen die Schuld zu geben, doch diesmal kann ich wirklich nichts dafür. Sie hat sich in kurzer Zeit sehr verändert und entwickelt nun eine völlig unchristliche Erbarmungslosigkeit gegen alle, die sich nicht so recht zur Lobpreisung aktueller Regierungspolitik entschließen können. Gegen Ungeimpfte ebenso wie gegen Menschen, die aus Verzweiflung über den Zustand des Landes eine Alternative dort suchen, wo sie wahrscheinlich nicht ist. Ach ja. Die AfD. Doch davon später.

Zunächst stehe ich an einem Samstag im August unter Luthers bronzenen Augen auf dem Marktplatz in Wittenberg, Für immer noch ein besonderer Ort. Alles ist möglich, wenn jemand die richtigen Worte zur richtigen Zeit findet. Ob wir die heute dabeihaben? Das wird sich zeigen. Zunächst müssen die Standhelfer einander kennenlernen. Das dauert eine Weile, denn wir sind viele und spiegeln eine Vielfalt, die das BSW besonders macht. Heute verteilt der Unternehmer zusammen mit dem Lagerleiter Flugblätter während das pensionierte Lehrerpaar schon eine Viertelstunde mit einem Passanten über den Krieg in der Ukraine diskutiert.

Als die Diskussion dann endet, ist keine Seite überzeugt, doch man verabschiedet sich respektvoll und freundlich. Diese nicht mehr selbstverständliche Toleranz beobachte ich noch öfter an diesem Tag. Unter dem Lutherdenkmal predigt ein Pfarrer in reformatorischer Tracht für die CDU. Voller Leidenschaft und ohne offiziellen Parteiauftrag. Er hatte einfach das Gefühl, hier sein zu müssen erzählt er, als ich mit einer Hand voll BSW-Material zu ihm rübergehe.

Unser Programm wird er sich ansehen, verspricht er. Und obwohl klar ist, dass er eher vom Glauben abfallen würde, als BSW zu wählen, können wir einander verstehen. Bis zu einer gewissen blauen Linie. Wo der Gottesmann milde Ratlosigkeit zeigt, lassen andere der Wut freien Lauf. “Schämen Sie sich.” schreit eine elegante Dame mich an. Und auch viele andere lassen uns spüren, dass sie uns seit Sahra Wagenknechts Vorwegnahme des dritten Wahlgangs im künftigen Landtag für die Erfüllungsgehilfen des Rechtsradikalismus halten. Eines Landtags, in dem die BSW-Abgeordneten noch keinen sicheren Platz haben. Da wir schlussendlich dafür hier stehen, versuche ich die Aufmerksamkeit auf unsrer Programm zu lenken. Manchmal gelingt das auch. Als der Tag zu Ende geht, nehme ich vor allem die guten und auch in der AfD-Frage oft kontroversen Gespräche mit den so verschiedenen Freundinnen und Freunden mit nach Hause. Und die wahre Lehre des falschen Luther. Frieden entsteht dort, wo die Parteizugehörigkeit unserer Mitmenschen nicht unseren Umgang mit ihnen bestimmt.